Zahnärzte kennen das Phänomen: Sobald das Thermometer klettert, steigen die Notfallbehandlungen wegen schmerzhafter Abszesse im Mund sprunghaft an.
- Zahnärzte sprechen von Abszess-Saison
- Hohe Temperaturen begünstigen Wachstum von Bakterien
- Nicht Hitze allein – rasche Wetteränderungen begünstigen das Phänomen
Zahnärzte kennen das Phänomen seit Jahren: Sobald das Thermometer klettert und die Luft feucht und schwer wird, steigen die Notfallbehandlungen wegen schmerzhafter Abszesse im Mund sprunghaft an. Kein Zufall – dahinter steckt Biologie.
Schwül-heißes Sommerwetter gilt in Zahnarztpraxen schon lange als „Abszesswetter”. Zahnärzte beobachten, dass in den heißen Monaten deutlich mehr Patienten mit schmerzhaften Eiteransammlungen im Mund in die Praxen kommen. Was lange als Beobachtung galt, wurde inzwischen wissenschaftlich untersucht.
Was passiert im Mund, wenn es heiß wird?
Bei Entzündungen versucht das Immunsystem, gegen die auslösenden Bakterien anzukämpfen und bildet Eiter. Entzündungszellen vermehren sich bei Wärme schneller – das beschleunigt die Eiterbildung erheblich. Was aus einem kleinen, lange unentdeckten Problem werden kann: ein akuter, schmerzhafter Abszess, der sofortige Behandlung erfordert.
US-Forscher liefern dazu eine mögliche Erklärung: Hohe Temperaturen und Luftfeuchtigkeit sowie vermehrtes Schwitzen begünstigen das Wachstum bestimmter Bakterien.
Nicht die Hitze allein – auch der Wetterumschwung ist entscheidend
Besonders aufschlussreich ist eine zehnjährige Studie aus Dresden: Wissenschaftler der Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus analysierten zwischen 2005 und 2015 insgesamt 1.000 Patienten, die wegen akut eitriger Abszesse im Mund-, Kiefer- und Gesichtsbereich stationär behandelt wurden – und verglichen diese Daten mit Wetterdaten. Das überraschende Ergebnis: Nicht statische Werte wie Temperatur oder Luftfeuchtigkeit allein zeigten einen Zusammenhang mit der Abszesshäufigkeit – sondern rasche Wetteränderungen. Bei großen Temperaturschwankungen stellten sich tendenziell mehr Patienten mit Infektionen vor. „Viele Menschen ahnen gar nicht, dass sie bereits ein Problem im Mund haben – weil es nicht wehtut. Doch im Sommer, wenn es schwül und heiß wird, kann aus einer stillen Entzündung innerhalb von Tagen ein akuter Abszess werden. Das ist kein schlechtes Glück, das ist Biologie. Unser Rat ist deshalb simpel: Wer länger keinen Zahnarzt war, sollte das vor dem Urlaub nachholen. Der Termin dauert kürzer als jede Notaufnahme im Ausland.“, so Dirk Kropp, Geschäftsführer der Initiative proDente e. V.
Die eigentliche Ursache liegt im Mund – nicht im Wetter
Das Wetter ist der Auslöser, nicht die Ursache. Ein Abszess entsteht durch eine bakterielle Infektion und führt zu einer Ansammlung von Eiter. Typische Anzeichen sind pochende oder stechende Schmerzen, die bis in Ohr, Kiefer oder Nacken ausstrahlen können. Grundlage ist fast immer ein bereits bestehendes, oft unentdecktes Zahnproblem: Versteckte Zahnfleischentzündungen und Zahnfleischtaschen führen häufig zur Bildung eines schmerzhaften Abszesses – und nur die regelmäßige Kontrolle beim Zahnarzt kann hier vorbeugen, da eine Zahnfleischentzündung zunächst oft unbemerkt verläuft, bevor sie chronisch wird.
Ein Abszess im Mund ist kein harmloser Ferienverdross. Die Einnahme von Antibiotika lässt sich bei einem Mundabszess praktisch nicht vermeiden – die Region ist so stark durchblutet, dass sich Bakterien sonst auch auf andere Körperbereiche ausbreiten könnten.
Vor dem Urlaub zum Zahnarzt – das ist der beste Sonnenschutz für den Mund
proDente empfiehlt: Wer seinen Zahnarzt zuletzt vor längerer Zeit besucht hat, sollte das vor der Urlaubssaison nachholen – nicht warten, bis der Schmerz kommt. Denn im Urlaub, fernab der Heimatpraxis, ist ein Abszess besonders unangenehm.